Großartige Darstellung
Badische Neueste Nachrichten
24.02.06
Großartige Darstellung
Kinderprogramm zu Händel im Staatstheater
Man braucht nicht viele Effekte und Raffinessen, um ein Kinderpublikum zu begeistern. Manchmal genügt schon ein einziger Darsteller, der weiß wovon er redet: Der Cembalist Geoffrey Thomas, Gründer des Kammerorchester „Budapest Baroque“, schlüpft in die Rollen von Händels Zeitgenossen und macht damit den barocken Meister wieder lebendig. „Händel streng geheim“ heißt das Programm, das im Badischen Staatstheater für eine höchst vergnügliche Stunde sorgte.
Zuerst spaziert Händel, „Halleluja“ singend auf die Bühne, wo ein geschwungener Sessel, ein Kerzenleuchter und ein Hammerflügel für Rokoko-Flair sorgen; hinter einer Trennwand liegen Perücken, schimmernde Roben und Gehröcke, die sich Geoffrey Thomas je nach Szene überstreift. Da ist zum Beispiel der strenge Vater, der sich (wie die meisten Väter) wünscht, dass Sohn erst einmal etwas „Anständiges“ lernt. Dabei klopft er energisch mit dem Stock auf den Boden und erinnert sich kopfschüttelnd: „kein Tasteninstrument war vor den suchenden Fingers des Kleinen sicher.“ Und diese kleinen Hände bedienen in Gegenwart des Herzogs von Sachsen-Weißenfels (Händel war damals zehn Jahre alt) die Orgel so gekonnt, dass der musikliebende Regent das Talent seinerseits in den höchsten Tönen lobt und daraufhin ernsthaft mit dem Vater spricht.
Der kleine Georg Friedrich erhält nun eine Ausbildung; Zeitgenossen werden „brrrennend neugierig“ auf den jungen Künstler – und Geoffrey Thomas rollt dazu seine Zunge so leidenschaftlich, dass die Kinder neugierig werden auf Händels Musik: Diese klingt unter den Händen von Geoffrey Thomas mal weich und sinnlich, mal spritzig, fulminant und virtuos – auch auf dem Hammerflügel entfaltet sich die breite Händelsche Farbpalette. Und als er den barocken Meister persönlich mimt, und diesen im reiferen Alter davon berichtet, dass die Musik „ihn mit all ihrer Kraft gepackt hatte“, dann spürt man, wie diese kraft den ganzen Körper durchdringt.
Thomas ist ein großartiger Darsteller. Da genügt eine Geste, ein kleiner Unterton, eine bewusste Körperhaltung oder eine wohl dosierte Übertreibung – und schon wird es im Saal entweder ganz still, oder es kommt begeistertes Lachen, and die, obwohl die einzelnen Begebenheiten für Kinder nicht unbedingt leicht zu verstehen sind.
Mit Spitzenhäubchen erscheint das alternde Fräulein Buxtehude deren Verheiratung der Vater unmittelbar an die Besetzung der Lübecker Organistenstelle geknüpft hatte – was so manchen davon abhielt, Buxtehudes Nachfolge in diesem Amt anzutreten. Man trifft außerdem Johann Mattheson, der sich damit brüstet, Händel zum Duell gefordert zu haben, weil dieser ihn während einer Opernaufführung am Hamburger Gänsemarkt partout nicht ans Cembalo ließ. Und schließlich schwebt in rote Robe die italienischen Primadonna Francesca Cuzzoni über die Bühne, die von der Bezahlung an der Londoner Royal Academy ebenso leidenschaftlich schwärmt wie sie das englische Essen verabscheut: Ein anspruchsvolles Programm, das die Kinder jedoch mit größter Aufmerksamkeit verfolgten. Christine Gehringer
